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Feindbilder abschaffen – Hagen Wend im Interview

 

wend3-1Unter der Überschrift »Versöhnung herbeiführen – Feindbilder abschaffen« liegen der Online-Redaktion seit dem 29. Januar 2009 die folgenden Auszüge aus dem ersten Interview mit Bezirksapostel Hagen Wend im Ruhestand vor:

 

 

UF: In welchen Bereichen der Kirche werden Sie aktiv bleiben?

Wend: Im Jahr 2009 bin ich noch in der Projektgruppe (PG) Glaubensfragen als Vorsitzender tätig. Einige Arbeiten, die ich bisher maßgeblich betreut habe, möchte ich noch zu Ende bringen … Wir arbeiten am Kirchenverständnis. Das ist im Grundsatz zwar geklärt, aber es muss jetzt noch eine umfassende Ausarbeitung folgen. Außerdem haben wir das Abendmahlsverständnis noch nicht zu einem Abschluss gebracht. Das sind die beiden wichtigsten Themen. Daneben begleiten wir die PG Katechismus bei ihrer Arbeit …

 

Sie haben vor der Projektgruppe (PG) Glaubensfragen vier Jahre die Koordinationsgruppe (KG) geleitet. Das sind zwei entscheidende Gremien, die dem Stammapostel zuarbeiten.

Die Kirche wird im Grundsatz vom Heiligen Geist geführt. Das, was wir im Apostelamt und vor allem auch der Stammapostel versuchen, ist zu erforschen, was der zeitgemäße göttliche Wille ist. Das geschieht unter viel Beten und im Ringen um Wahrheit. Dabei sind KG und PG dienende Instrumente in der Kirche, keine regierenden. Sie helfen dem Stammapostel, dass er – politisch ausgedrückt – seine „Richtlinienkompetenz“ angemessen ausüben kann …

 

Ihr Name steht als Vorreiter für Aussöhnung. Was hat Sie veranlasst, Aussöhnung und Versöhnung gegenüber anderen apostolischen Gemeinschaften zu betreiben?

Diese Trennung hat mir schon als Jugendlichem wehgetan. Ich habe die Trennung vom damaligen Apostel Kuhlen aus der Ferne erlebt und gesehen, wie Familien auseinandergerissen wurden. Wir jungen Leute haben das überhaupt nicht verstanden und waren schon damals der Meinung, man sollte alles tun, um die Trennung zu überwinden. So bin ich auch mit dem Thema des damaligen Apostels Rockenfelder jun. umgegangen. Als Apostel hatte ich von Bezirksapostel Klaus Saur den Auftrag, wo immer es möglich ist, mit solchen zu sprechen, die uns verlassen hatten. Stammapostel Fehr forderte auf, Feindbilder abzubauen. So haben wir auch die Gespräche im Saarland geführt. Das ist Ausdruck des Respekts vor anderen Menschen und vor anderen Auffassungen.

… In einer Zeit, in der das Christentum von außen und innen bedroht ist, sollten überzeugte Christen das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und unterschiedliche Auffassungen respektieren, wie es im Schlagwort »versöhnte Verschiedenheit« Ausdruck findet …

 

Liegt darin nicht die Gefahr, dass das Profil der NAK verloren geht?

Das sehe ich nicht. Wir halten daran fest, und das ist unser Profil, dass in unserer Kirche das Apostelamt wirkt und notwendig ist zur Bereitung der Braut Christi auf die Wiederkunft des Herrn. Dazu dient das durch Apostel gespendete Sakrament der Heiligen Versiegelung, durch das die Wiedergeburt aus Wasser und Geist zum Abschluss kommt …

 

Gefährdet das die Ökumene?

Das weiß ich nicht. Wir halten – wie andere auch – an unserem Profil fest. Z. B. spielt der Tag des Herrn, so wie wir ihn sehen, in anderen christlichen Gemeinschaften keine große Rolle. Es wird uns vorgehalten, dass wir das zu sehr betonen. Dafür haben wir aber gute biblische Gründe. Wenn ich unbefangen z. B. 1. Korinther 15 lese: »Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen« oder Thessalonicher 4, 13–18 oder etliche Stellen in der Offenbarung, da bin ich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Christus zu seiner Braut kommt …

 

Liegt diese innere Ausrichtung in Ihrer Familie begründet?

Mein Großvater väterlicherseits war evangelischer Pfarrer. Mein Onkel, der vor kurzem gestorben ist, war das auch. Mein Vater war Atheist. Also ich bin in einem gewissen Spannungsfeld aufgewachsen …

 

Gab es einen Anlass, durch den das Interesse an theologischen Themen geweckt worden ist?

Meine Mutter wurde Anfang der 50er Jahre neuapostolisch. Ich bin es dann mit neun Jahren auch geworden, habe in der Jugend Anschluss gefunden, habe mich im Chor betätigt. Im Laufe der Zeit ist einfach die Überzeugung gewachsen: Genau das ist der richtige Platz, an dem du stehen solltest und der in deinem Leben einen wichtigen Platz einnehmen sollte. Dass später auch theologische Fragen zu behandeln waren, das kam erst mit meinem Eintritt in den Verlag …

 

Das muss ein gravierender Einschnitt gewesen sein, von einer gehobenen Position in einer deutschen Großbank auf den Chefsessel des Verlags.

Nein, das ist mir persönlich sehr leicht gefallen. Ich leitete in der Bank das Vorstandssekretariat und war zu dieser Zeit Bezirksältester. Daher habe in einer Klemme gesteckt wie viele der Brüder auch: Erhebliche Anforderungen im Beruf, denen man sich auch nicht entziehen kann. Auf der anderen Seite hatte ich das Bedürfnis, meinen Brüdern und Geschwistern nahe zu sein. Ich habe zigmal erlebt, wie in letzter Sekunde Besprechungen abgesagt wurden, damit ich in den Gottesdienst kommen konnte …

 

Woher kommt Ihre Vorliebe für die Astronomie?

Von meinem Vater. Er hat Physik, Mathematik und Astronomie studiert und in Astronomie promoviert. Er hat uns Kindern Sternenbilder gezeigt und sie erklärt. Ich lese regelmäßig Literatur über Astronomie, wobei ich ganz schwierige und komplexe Dinge nicht vollständig verstehe. Wenn ich den Sternenhimmel betrachte, dann ist das für mich ein faszinierender Beweis für die Größe Gottes …

 

Für Sie kamen als Bezirksapostel neue Länder hinzu, Missionsgebiete in Afrika. Was waren das für Erlebnisse?

Das war eindrucksvoll. Ich bin all die Jahre sehr gerne in Afrika gewesen. Ich besuchte die Geschwister in der Trockenzeit. Wenn man dort morgens losfährt, um die Geschwister im Busch zu besuchen, trotten ein paar Ziegen am Straßenrand, keine Hubschrauber sind zu hören, kein Kondensstreifen am Himmel zu sehen, da ist Europa ganz weit weg mit der Hektik und dem Lärm. Vor allem aber ist es schön, den kindlichen Glauben dieser einfachen Menschen zu erleben. Man muss natürlich die Armut und die Lebensverhältnisse dort verkraften. Das berührt einen schon …

 

Am 7. November 2002 waren Sie Opfer eines tragischen Unfalls in Afrika.

Das war wirklich schlimm, wobei mich nur eines innerlich sehr berührt hat und heute noch berührt: der Tod des Apostels Mendy. Das war schmerzlich und sehr bitter. Aber wir haben uns im Glauben unter die göttliche Zulassung gebeugt. Mit meinen Verletzungen hatte ich einige Zeit Probleme. Im Jahr darauf kam die Frage auf: Fahren wir wieder dorthin? Und ich habe gesagt: Ja, wir fahren genau dieselbe Straße …

 

Bei dem Thema »Dienen und Führen« entsteht der Eindruck, das haben Sie eher nicht mit Nachdruck umgesetzt?

Der Eindruck entspricht nicht den Tatsachen. Die Grundsätze von Dienen und Führen sind ein wichtiges Element in unserer Kirche. Sie haben ganz offiziell einen autoritären Führungsstil abgelöst und durch einen kooperativen, argumentativen Führungsstil ersetzt. Wir haben das mit großem Ernst versucht umzusetzen. Dazu haben wir Schulungen durchgeführt, sowohl zum Ausgangsthema als auch zu den nachfolgenden Themen: Konfliktbewältigung, gehaltvolle Predigt, Seelsorgebesuch. Dabei stand für uns im Vordergrund, Denkstrukturen zu verändern …

 

Wie kann man die Denkstruktur im Wechsel von einem autoritären Führungsstil zu einem kooperativen argumentativen Führungsstil umstellen?

Dazu gibt es verschiedene Wege: Man kann mit intensiven Seminaren arbeiten, wenn man entsprechende Fachleute hat, die das in kürzeren Abständen zwei- oder dreitägig vertiefen. Es kann aber auch sein, dass man zum einen nicht genügend Fachleute hat, die sich dafür regelmäßig frei machen können. Zum anderen kann man aufgrund der regionalen Gegebenheiten zum Schluss kommen: Unsere Vorsteher sind zeitlich so belastet, dass ich sie nicht mehrmals im Jahr zu mehrtägigen Seminaren zusammenrufen kann …

 

Was macht Ihnen Sorgen für die Zukunft der NAK?

Wir haben für Deutschland die Sorge, die im Altersaufbau begründet ist. Das ist der demografische Faktor. Das macht mir Sorgen: die fehlenden Kinder und die hohe Zahl von älteren Erwachsenen. In unserem Bereich haben wir ca. 500 Heimgänge jährlich, denen nur 160 bis 180 Taufen gegenüberstehen. Vor einiger Zeit haben wir die Zahl der Kinder verglichen. Sie ist in sieben Jahren von knapp 5000 auf 3500 geschrumpft. Das sind rund 1500 Kinder weniger ...

Die nächste Sorge ist die innere Migration, eine gewisse Wanderungsbewegung von den aktiven Geschwistern zu den formellen. Dafür mag es viele Ursachen geben und wir überlegen schon seit langem, wie wir den Trend stoppen können. Wir befinden uns in der Kirche in einer Übergangsphase. Wir räumen dem Einzelnen viel mehr persönliche Freiräume ein. Damit kann noch nicht jeder umgehen, wenn wir ihm sagen, du trägst hier jetzt selbst die Verantwortung …

 

Mehr aus dem Interview wird in einer der nächsten Druckausgaben von »Unsere Familie« veröffentlicht.