MEDIEN IM FOKUS
... sich sehen lassen – Interview mit Rüdiger Krause
UF: Lieben Sie Veränderungen?
Rüdiger Krause: Ja, Veränderungen liebe ich. Ich bin offen, Neues kennenzulernen und dazuzulernen. Gerade auch in dem Amt, in das ich ordiniert wurde. Ich bin neugierig.
Fiel es Ihnen leicht, vor einigen Jahren aus dem kriminalpolizeilichen Dienst auszuscheiden und sich ganz der Kirche zu widmen?
Nein, das fiel mir nicht leicht. Bezirksapostel Leber hat mich damals gefragt, ob ich bereitstehe als Verwaltungsleiter zu arbeiten. Damals war ich neben meiner Arbeit und meinem Bischofsbereich noch Bezirksvorsteher in Russland. Diese Dreifachbelastung hätte ich nicht jahrelang aufrechterhalten können. Mein Beruf hat auch einiges abverlangt. Ich war sehr, sehr gerne Kriminalbeamter. Das war mein Traumberuf, das wollte ich immer tun und ich habe 26 wunderbare Jahre erlebt.
Was hat Sie an diesem Beruf so fasziniert?
Fasziniert hat mich, dass man mit Lebenssachverhalten zu tun hat, die neben der Normalität liegen. Man kommt in ein Milieu, das oft weitab liegt von der normalen Lebensrealität. Wie leben Menschen mit Straftaten und durch Straftaten? Was für eine Sicht haben sie auf das Leben? Ein Mann sagte mir einmal in einer Vernehmung: »Ja, schon mein Vater ist mit mir einbrechen gegangen.« Das war die Lebensrealität für ihn.
In welchen Bereichen des kriminalpolizeilichen Dienstes waren Sie tätig?
Ich habe angefangen im Betrugsdezernat, bin dann in ein Dezernat, das sich um Einbrüche und Raub kümmerte. Danach wechselte ich ins Landeskriminalamt, das war die spannendste Zeit. Da habe ich spezielle Einbruchsdelikte bearbeitet, Bandeneinbruch, Bandenbildung und internationale Täter. Anschließend studierte ich und kam zurück ins Landeskriminalamt, wieder in diesen Bereich. Da merkte ich, das ist nicht mehr meine Welt, jetzt wollte ich etwas anderes machen. Deshalb ging ich in das Dezernat »Interne Ermittlung« und habe mich auf die Korruptionsbekämpfung in der öffentlichen Verwaltung gestürzt.
Haben Sie berufsbedingt eine »Spürnase« für Dinge, die für die Zukunft der Kirche wichtig sind?
Ich versuche die Bedürfnisse in den Gemeinden in unserer Kirche zu erspüren und diese Bedürfnisse zu erfüllen, sofern das mit unserer Lehre vereinbar ist. Es ist für mich ganz wichtig, mit den Ämtern in Verbindung zu sein. Der Kontakt zu den Geschwistern ist mir wichtig. Nach dem Gottesdienst nehme ich mir gern Zeit, um mit ihnen zu sprechen. Ein Stückchen Seelsorge. Zu sehen, wo liegen die Bedürfnisse bei den Geschwistern. Wir sollten heute nicht von vornherein an Dingen festhalten, die wir vor 20, 30 Jahren in den Gemeinden gepflegt haben. Die Menschen verändern sich und mit ihnen die Gesellschaft. Somit auch die Menschen in unserer Kirche. Unter dem schönen Dach der Kirche können Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen selig werden.
Wo wollen Sie in Ihrem Amt Akzente setzen?
Öffentlichkeitsarbeit wird ein Schwerpunkt sein. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir uns sehen lassen können in unserer Gesellschaft mit unserer Kirche, mit unserem Glauben, auch wenn wir besondere Grundpositionen haben, das ist eben so. Wir sollten selbstbewusst und respektvoll anderen auf Augenhöhe begegnen.
Im Moment wird der Katechismus erstellt, d.h., unsere Lehre wird lesbar. Damit können wir uns positionieren. Doch wir brauchen viel Zeit dazu. Was uns wirklich ausmacht, das ist der Gottesdienst, das sind die Gemeinden. Deswegen haben wir dies in den Blickpunkt der Öffentlichkeitsarbeit genommen: Aktionen zu Gottesdiensten für Entschlafene, zum Erntedank, zum Frühlingsbeginn. Nächstes Jahr vielleicht eine Aktion zum Muttertag.
Aufgabe der Kirche und damit auch meine Aufgabe ist es, den Menschen zu zeigen: Gerade die Verheißung Jesu Christi ist der Weg. Der Herr kommt! Nicht nur Kommerz und schneller, höher, weiter, größer, besser. Sondern Jesus Christus heute und morgen, das ist der Sinn des Lebens. Das, finde ich, ist die eigentliche Herausforderung unserer Kirche.
Ein weiterer Schwerpunkt ist für mich alles, was die Menschen begeistert: Jugendarbeit und Musik. Wir haben in Norddeutschland viele auf dem Gebiet der Musik gut ausgebildete Kräfte, die für den gesamten Bereich eine kontinuierliche Aus- und Fortbildung anbieten sollten. Da muss die Kirche sicherlich investieren.
Wie weit sind Sie bereit, auf andere zuzugehen oder Ökumene zuzulassen?
Ökumene unter der Überschrift: »Versöhnte Verschiedenheit« ist für mich eine ganz gute Basis. Die christlichen Kräfte schwinden in unserem Land. Ich bin gerne bereit, dem etwas entgegenzustellen, mit anderen gemeinsam aufzutreten und das so weit mitzumachen – ob es Veranstaltungen sind oder ob es gemeinsame Aktionen sind –, wie das unsere Lehre zulässt. Das tun andere auch. Die katholische Kirche ist auch kein Mitglied der weltweiten Ökumene, sie macht so weit mit, wie sie das tragen kann, ist akzeptiert, gar keine Frage – warum wir nicht? Ich bin überzeugt, gemeinsam können die Christen etwas erreichen und einen Beitrag für die Menschen hier in unserem Land leisten.
Ein Beispiel: Wenn eine neuapostolische Frau und ihr nicht neuapostolischer Ehemann gemeinsam verunglücken, ökumenische Trauerfeier ja oder nein? Wie sehen Sie das?
Dieses furchtbare Ereignis sollte nicht der Punkt sein, wo wir Lehrdiskussionen führen! Da geht es um Trost für Familie und Leidtragende. Wenn wir uns dann als Christen noch einen Lagerkampf leisten würden, das wäre traurig. Warum soll man in diesem Fall nicht zu einer gemeinsamen Trauerfeier kommen? Aber bitte nicht den Umkehrschluss ziehen und diesen Einzelfall als allgemeingültiges Modell propagieren.
Sie haben gesagt: Sie wollen sich der Jugend verstärkt widmen. Was schwebt Ihnen vor?
Mir schwebt vor, den unter Bezirksapostel Schumacher gelegten Weg fortzusetzen. Das Netzwerk von Bezirksjugendleitern und Jugendleitern in den Gemeinden zu verdichten. Mir schwebt vor, dass man inhaltlich arbeitet mit der Jugend an unserem Glauben. Nur Events sind zu wenig.
Aber Jugend hat lieber Events als Inhalte!
Ja, wir werden versuchen, über die Inhalte zu einem Event zu kommen, auf dem man dann auch über unseren Glauben spricht, beispielsweise über unser Glaubensbekenntnis. Es ist festzustellen, dass nicht alle unser Glaubensbekenntnis kennen. Darin sehe ich eine Herausforderung, sich mit der Jugend darüber auszutauschen. Jugendliche trauen sich ihre Kritik zu äußern – und das dürfen sie auch. Besondere Highlights, etwa der Norddeutsche Jugendtag in diesem Jahr, bieten Jugendlichen Gelegenheit zusammenzukommen, gemeinsam zu musizieren und die Kirche und den Glauben zu erleben. Das soll auch so bleiben.
Als Bezirksapostel sind Sie Seelsorger, Ideengeber, verantwortlich für die kaufmännische Leitung, personalverantwortlich, Repräsentant. Wo sehen Sie die Schwerpunkte?
Seelsorge! Das Evangelium und die innewohnende Freude verkünden: Unser Herr kommt! Das ist der Punkt! Wir können eine Menge machen, wir können einen ganzen Aktionskalender aus dem Fenster hängen und sagen: Das haben wir dieses Jahr vor. Wenn wir nicht von dieser Freude beseelt sind, dass der Herr kommt und dass wir einen tollen Glauben und eine geistig reiche Kirche haben, wird das wenig bringen. Diese Freude zu stärken, das ist für mich die Grundmotivation und Aufgabe in der Seelsorge. Sicher müssen wir auf Ressourcen achten und schauen, dass wir die Mittel sinnvoll einsetzen.
Sie wünschen sich in den Gemeinden, dass Arbeitsgruppen und andere Gremien dem Vorsteher zuarbeiten, damit er sich mehr auf die Seelsorge konzentrieren kann. Ist das so richtig?
Ja genau! Es gibt sehr viele Dinge, die mit der Seelsorge nichts zu tun haben. Ich wünsche mir vor allen Dingen eine viel größere Einbeziehung unserer Schwestern in die Aufgaben in den Gemeinden. Die Schwestern machen schon viel als Lehrbeauftragte oder in der Musik usw. Da sehe ich aber noch weitere Gebiete: Administrative Arbeiten, Öffentlichkeitsarbeit, Besuchsdienste bei Kranken...
In welchem Umfang müssen in Ihrem Arbeitsbereich Gemeinden zusammengelegt werden?
In zurückliegender Zeit sind schon etliche Gemeinden in Norddeutschland zusammengeführt worden. Die Abnahme der Zahl der Mitglieder ist ein Punkt, der zweite Punkt ist die Versorgung mit den notwendigen Amtsbrüdern, der dritte die Instandhaltungskosten der Kirchen. Da, wo es aus den genannten Gründen notwendig ist einzugreifen, beziehen wir die Gemeinde frühzeitig mit ein und halten den Prozess transparent.
Wie ist es um die NAK in den Ihnen anvertrauten Ländern bestellt? Viele Kulturen, viele Mentalitäten.
So unterschiedlich wie die Kulturen, so unterschiedlich sind auch die Gemeinden. Ich denke, man muss es einfach akzeptieren, dass in den betreuten Ländern jeder Ausländer mit ein bisschen mehr Distanz betrachtet wird, als ein Einheimischer, ein Isländer oder ein Grönländer, ein Schwede, Norweger, Finne. Diese Länder haben Traditionen, die 1000 Jahre und älter sind und dann kommen die Deutschen und wollen sie selig machen. Schon meinen Amtsvorgängern war es wichtig, diese Länder mit einheimischen Amtsgaben auszustatten, wo immer es möglich war.
Positiv entwickelt sich die Kirche im United Kingdom – nicht zuletzt durch den Zuzug von Gläubigen aus dem früheren Commonwealth.
Die amerikanischen Apostel haben dort unendlich viel geleistet. Dass die Apostel jetzt kürzere Wege haben, ist natürlich schön. So konnte ich zu Wochengottesdiensten dort sein. Mittwochs hin und am Donnerstagmorgen zurück. Das war den amerikanischen Aposteln so nicht möglich. Bezirksapostel Schumacher hat Strukturen geschaffen nach unserem Vorbild mit Bezirken, Bezirksältesten, Bezirksevangelisten. Mein Empfinden ist, die Geschwister dort und wir aus Deutschland sind aufeinander zugegangen. Und wir haben uns wirklich in der Mitte getroffen. Das ist ein gutes Miteinander. Also, United Kingdom und Irland sind für mich persönlich in meinem neuapostolischen Leben Geschenke.
Englisch war nicht Ihr Spezialfach in der Schule?
Nein, mein Englischlehrer würde sich jetzt mehrfach umdrehen. Mittlerweile spreche ich diese Sprache einigermaßen gut. Man muss halt etwas dafür tun.
Die Erwartungen der Geschwister werden größer, die Ansprüche an die Kirche werden größer, wie wollen Sie diese Bedürfnisse befriedigen?
Nur mit der Hilfe des großen Gottes! Der kennt alles, der weiß um alle Dinge und da arbeite ich aus dem Glauben heraus und mit der notwendigen Gottesfurcht. Ich brauche seine Gedanken, seine Impulse. Das Gebet ist wichtig, so dass ich das alles zusammen mit den Aposteln und den Bischöfen schaffe. Als Teamarbeiter suchen wir nach Lösungen, aber die müssen göttlichen Ursprungs sein. Dann gelingt es.
In Ihrem Lebenslauf steht: Ein Hobby habe ich mir noch nicht zugelegt?
Nein, das hat sich nicht verändert. Ich habe kein Hobby.
Wie entspannen Sie von Ihrer sehr intensiven Arbeit als Apostel und jetzt als Bezirksapostel?
Im Kreise der Familie. Was ich wirklich schätze, sind gute Freunde, ein gutes soziales Umfeld. Abends zusammensitzen mit Freunden und sich austauschen. Ich will mir diese Zeit nehmen, für die Familie, für den Freundeskreis, für meine Frau und für mich.
Sie lesen gerne Dokumentationen und Autobiografien?
Autobiografische Bücher – insbesondere von ehemals wichtigen Politikern. Selbst wenn ich mit den Schlüssen, die die Autoren für sich ziehen, nicht immer einverstanden bin, so fasziniert es mich doch, Hintergründe zu erfahren und ein schärferes Bild von historischen und politischen Entscheidungen zu erhalten.
König David haben Sie als Lieblingsfigur angegeben. Sie bewundern dessen Mut und Entschlossenheit. Wo brauchen Sie diese Qualitäten?
König David war an der Stelle entschlossen, wo alle anderen mutlos waren. Er hatte ein – ich würde mal sagen – gesundes Sendungsbewusstsein und trat gegen Goliath an. Mit Erfolg. Mut und Entschlossenheit braucht man, die Dinge, die man für richtig hält, umzusetzen. Auch wenn das noch nicht jeder mitträgt.
Und zu dem Allem gesellt sich dann auch noch das kommunikative Wesen, das Ihnen der Stammapostel höchstpersönlich attestiert hat?
Ich unterhalte mich gern und habe keine Mühe, mit Menschen in Kontakt zu treten. Vielleicht liegt das an meinem früheren Beruf.
Es gibt bei der Polizei den Begriff der Deeskalation. Gilt der auch für die Kirche?
Das sind schon unterschiedliche Ebenen. Manches könnte man allerdings ein bisschen gelassener angehen. Was ich überhaupt nicht schätze, wenn etwas schiefgegangen ist: Jetzt suchen wir den Schuldigen! Darum geht es gar nicht. Sondern es geht darum, dass wir sagen: Gut, was ist da schiefgelaufen? Woran lag es? Das müssen wir besser machen! Es darf auch mal etwas schieflaufen. Mir geht es darum, dass wir sagen: Kommt, was lernen wir daraus? Auch in solchen Situationen wünsche ich mir: Keiner soll Angst haben vor dem Bezirksapostel.
Das ist ein schöner Ansatz für das Leitbild »Dienen und Führen«.
Wir haben hier in Norddeutschland viele Brüder und Schwestern in Gesprächsführung und Konfliktlösung geschult und diese beiden Felder mit Filmsequenzen angereichert. Als Nächstes möchte ich noch einmal »Mediation für Führungskräfte« anbieten.
Zusammenarbeit mit anderen Gebietskirchen?
Wir sollten nicht in jeder Gebietskirche das Rad neu erfinden. Es gibt eine ganze Menge Synergieeffekte, die wir nutzen können. Was machen die anderen? Wie packen die das an? Kann man davon profitieren? Können die etwas von uns lernen? Wollen wir einmal etwas zusammen machen?
Sie haben bereits ein Motto ausgegeben: Einmal »Leichtigkeit des Glaubens« und ein Wort von Stammapostel Fehr: »Wir wollen freudig und unverkrampft nachfolgen.« Geht das in der heutigen Zeit mit all den Anforderungen, die an Kirche und an Amtsträger gestellt werden?
Ja, gerade! Gerade heute! Das geht ganz gut, glaube ich. Dieser Satz »Wir wollen freudig und unverkrampft nachfolgen«, hat mehrere Elemente: Der Glaube soll Freude machen! Ich habe den Glauben nie als Last betrachtet, sondern als Quelle der Freude erlebt. Unverkrampftheit ist eben darin zu finden, dass man sich nicht verbiegen muss. Unverkrampft heißt für mich: offen und natürlich bleiben. Und die Nachfolge zum Herrn und zum Stammapostel ist ebenso wichtig. Die Geschwister sollen merken: Der Krause steht hinter dem Stammapostel!
Die Leichtigkeit des Glaubens. Unser Glaube ist nicht schwer und soll nicht träge machen. Diese Leichtigkeit und dieser unverkrampfte Umgang miteinander. Unverkrampft jeden so annehmen, wie er eben ist. Nicht den anderen verändern wollen, sondern sich gegenseitig annehmen und immer noch einmal eine Chance geben. Das Leben ist dann viel leichter, das habe ich auch lernen müssen. Großzügigkeit im Umgang miteinander üben und die klare Linie unserer Kirche beibehalten.
Sie geben an, manchmal ungeduldig zu sein. Haben die Geschwister in Norddeutschland sich jetzt auf stürmische Zeiten einzustellen?
Nein, nein, aber wofür ich wirklich kein Verständnis habe: Wenn man Geschwister harsch kritisiert, die sich engagieren und viel getan haben, und es an einer Stelle irgendwo mal hakt oder eine Sache nicht so gut war. Manchmal lässt man kein gutes Haar an ihnen. Da werde ich ungeduldig. Dann stelle ich mich vor diejenigen, die so heftig kritisiert werden.
Sie kennen bisher fünf von 26 Bezirken der Gebietskirche. 21 müssen Sie noch kennenlernen. Reisen Sie gern?
Es sind sogar 35 Bezirke, wenn man die betreuten Länder einbezieht. Am liebsten bin ich zu Hause. Aber mir machen Reisen nichts aus. Wenn ich unterwegs bin zu den Geschwistern und zu den Gemeinden, ist mir kein Weg zu weit. Das mache ich gerne.
Das Gespräch führte Peter Wild für UF; abgedruckt in Unsere Familie Ausgabe 03, 5. Februar 2011