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MEDIEN IM FOKUS

Das neuapostolische Verständnis von Apostolizität

Reinhard Kiefer, Leipzig-Mitte,  im April 2011

leipzig-mitte-110Apostolizität ist ein theologisches Thema, mit dem alle christlichen Kirchen vertraut sind. Apostolizität ist Bekenntnisgegenstand, sie ist integraler Bestandteil des Glaubens an die Kirche. Dies bringt das Nizänum zum Ausdruck, wenn es dort heißt: „Wir glauben an [...] die eine, heilige, allgemeine (also katholische) und apostolische Kirche“. Zum theologischen Nachdenken über die Kirche gehört also immer auch die Reflexion über ihre Apostolizität. Für eine Kirche, die sich als neu-„apostolische“ bezeichnet, ist Apostolizität verpflichtend und  verbindlich. Vor allem eine apostolische Kirche hat die Aufgabe, die Apostolizität der Kirche Jesu Christi zu betonen und nach der Art und Weise, wie sie sich je verwirklicht, zu fragen.

Um Apostolizität als einen gemeinsamen Gesprächs- und Verständigungsgegenstand unter Christen gerecht zu werden, ist es hilfreich, die Position des bedeutenden evangelischen Dogmatikers Gerhard Ebeling zum Ausgangspunkt zu nehmen. Von ihr aus wird auch das Spannungsverhältnis im Verständnis von Apostolizität, das zwischen evangelischen und neuapostolischen Christen besteht, deutlich. Ich mache hier also in gewisser Weise einen „produktiven Umweg“.

Zum Problem der Apostolizität schreibt Gerhard Ebeling in seiner „Dogmatik des christlichen Glaubens“: „Die gesamte Kirchengeschichte veranschaulicht das Problem, wie denn von der Kirche behauptet werden könne, sie sei bleibend die apostolische. Wäre die Kirche auf ihre apostolische Anfangsphase fixiert gewesen und in dieser Weise unverändert dieselbe geblieben, so wäre sie weder apostolisch noch Kirche geblieben, sondern als erstarrtes Gebilde zugrunde gegangen. Ihre geschichtliche Existenz als apostolische Kirche setzt die Ermächtigung voraus zu einer ihrem Auftrag entsprechenden Veränderung in der Geschichte.“ Apostolizität versteht Ebeling – dies ist übrigens auch eine neuapostolische Grundposition – als „Lebensgrund der Kirche“. Sie ist es, weil der „Begriff des Apostolischen [...] an der ursprünglichen Bezeugung Jesu Christi haftet.“

Insofern steht Apostolizität nach Ebeling in unmittelbarem Zusammenhang mit der Heiligen Schrift, denn „die Kirche [hat] keinen anderen Zugang zu ihrem Lebensgrund als die heilige Schrift, durch die das Christuswort je und je neu entbunden wird und der heilige Geist sein Werk treibt. Das sola scriptura ist der Garant der bleibenden Apostolizität der Kirche.“ Weil dies in einem ausschließlichen Sinne zu verstehen ist, macht Ebeling deutlich, dass dies „das Nein zu zwei faszinierenden Möglichkeiten, Apostolizität sozusagen in kirchliche Regie zu übernehmen“ [bedeutet]. „[...] Die klassische Gestalt dessen ist die schon früh auftretende Idee der apostolischen Sukzession des Epikopats. […] Das sektiererische Pendant dazu ist die eschatologische Erneuerung des Apostolats, wie es zunächst die katholisch-apostolische und sodann die Neuapostolische Gemeinde realisiert haben. Die andere Möglichkeit einer Vergegenwärtigung des Apostolischen ist das immer wiederkehrende Bestreben, die Kirche dem apostolischen Vorbild anzugleichen durch ein Leben in apostolischer Armut und urchristlicher Gütergemeinschaft, herausgelöst aus der Verstrickung in den Staat und die Kultur [...] so kann man zusammenfassen, stellt zunächst Apostolizität als dynamischgeschichtliche Größe heraus, die nicht im Konservieren einer bestimmten theologischen Position besteht, sondern aus Erneuerung und gegebenenfalls radikaler Veränderung. Zum zweiten betrachtet er Apostolizität als „Lebensgrund der Kirche“, denn sie basiert auf der Predigt Jesu und ist von daher notwendiger Anhalts- und Ausgangspunkt für die heutige Predigt des Evangeliums. Die Heilige Schrift ist also in einem ausschließlichen Sinn Garant von Apostolizität. Von daher wird die apostolische Sukzession oder gar eine „eschatologische Erneuerung des Apostolats“ als eine unsachgemäße Antwort auf das Problem der Apostolizität angesehen.

Allerdings ist gerade die „eschatologische Erneuerung“ und zeitgenössische Vergegenwärtigung die Grundidee der apostolischen Bewegung, an der alle apostolischen Gemeinschaften partizipieren, so unterschiedlich sie im Einzelnen auch sein mögen. Fast allen apostolischen Gruppen ist die Forderung gemeinsam und unveräußerlich, dass Kirche immer Kirche mit Aposteln zu sein habe.

In der ‚apostolischen Bewegung’, die sich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Katholisch-apostolischen Gemeinde formierte, rückte Apostolizität in den Fokus des gesamten Denkens über die Kirche. Was Kirche ist und was sie soll, das sollte sich an der Apostolizität entscheiden.

Der dritte Artikel des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses schließt sich eng ans Nizänum an und lautet unter anderem: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche [...].“ Nach neuapostolischem Verständnis ist die Kirche Jesu Christi „apostolisch in zweierlei Hinsicht: In ihr wird apostolische Lehre verkündigt und in ihr wirkt das apostolische Amt.“

Unter der apostolischen Lehre verstehen wir die Botschaft von Tod, Auferstehung und Wiederkunft Christi gemäß der Lehre der urchristlichen Apostel, wie sie im Neuen Testament bezeugt ist und von den ersten Christen geglaubt und gelebt wurde (vgl. Apostelgeschichte 2,42).

Das apostolische Amt – und dies ist nun das Besondere des neuapostolischen Verständnisses – ist das von Christus gegebene und vom Heiligen Geist gelenkte Apostelamt mit seinen Vollmachten: Auslegung der Schrift und Verkündigung des Evangeliums, Spendung der Sakramente, Vergebung der Sünden (vgl. Matthäus 28,19; Johannes 20,23).

Die Apostolizität der Kirche besteht demnach also darin, dass sie die Verkündigung der apostolischen Lehre fortsetzt, die in der Heiligen Schrift bezeugt ist, und dass in ihr das Apostelamt wirkt, wie es schon in urchristlicher Zeit vorhanden war …

Quellennachweis: Ebeling, Gerhard: Dogmatik des christlichen Glaubens Bd. III. Der Glaube an Gott den Versöhner der Welt. 3. Aufl. Tübingen 1993, S. 375-377. (Foto Leipzig-Mitte, NAK Mitteldeutschland)

Der ganze Vortrag von Reinhard Kiefer lässt sich hier herunterladen.

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