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Missbrauch

4. Februar 2012 - Frankfurt

Missbrauch – erstes spirit-Thema 2012; Grafik BV
Missbrauch – erstes spirit-Thema 2012; Grafik BV
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Missbrauch ist das Titelthema der neuen Ausgabe der Kirchenzeitschrift spirit. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Briefs von Pater Klaus Mertes an die Missbrauchsopfer am Canisius-Kolleg widmet sich das neuapostolische Themenmagazin diesem breiten Problemfeld.

     Zur Erinnerung, der Rektor des Berliner Gymnasiums leitete seinen Brief ein:

»Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen. Es gehört auch zur Erfahrung der Opfer, dass es im Canisius-Kolleg und im Orden bei solchen, die eigentlich eine Schutzpflicht gegenüber den betroffenen Opfern gehabt hätten, ein Wegschauen gab ... «

Der Jesuitenpater listete die Ursachen des aufgedeckten Missbrauchs in seinem Brief an die Opfer schon damals so pointiert auf, dass dies auch zwei Jahre später kaum einer Korrektur bedürfte:

»Mangelnder Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessener Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen.«

Ein Gespräch der spirit-Redaktion mit dem Arzt und neuapostolischen Priester Stefan Werner offenbart, dass Missbrauchsfälle auch in neuapostolischen Kreisen bekannt geworden sind. Missbrauch findet eben überall statt, »und zwar so häufig, dass man davon ausgehen kann, dass in jeder Gemeinde Betroffene sind«, so Stefan Werner, der sich zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiterbildet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Mehrzahl der Fälle sexuellen Missbrauchs nicht im unmittelbaren Kirchenbereich, sondern in den Familien stattfindet.

Bei der Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann liefen laut Domradio über 20.000 Briefe und Anrufe auf. Tatort von mehr als der Hälfte der dort berichteten Missbrauchsfälle: die Familie. Jeder dritte Übergriff habe in Institutionen stattgefunden, rund 60 Prozent davon wiederum in den Kirchen.

spirit listet zudem auf: Von 15.781 Opfern von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unter Gewaltanwendung oder Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses 2010 waren es 10 Prozent Kinder, 40 Prozent Jugendliche und 50 Prozent Erwachsene. Zumindest nach der Polizeilichen Kriminalstatistik.

Im Interview mit Priester Werner wird einmal mehr deutlich, wie verheerend die Folgen von Missbrauch für die Opfer sind und wie viel mehr, dass sie in ihrem Umfeld oft nicht genügend Gehör finden. Dass sie sich zusätzlich zu allem Leid sorgen müssen, ihren Hilferufen schenke man keinen Glauben. Oder die Vorfälle werden verharmlost, gar vertuscht. Daher sind im Heft auch gleich die vertrauenswürdigen Anlaufstellen der Neuapostolischen Kirche für Opfer von Missbrauch speziell im seelsorgerischen Umfeld aufgelistet.

Missbrauch hat viele grausame Gesichter. Eines ist die Vergewaltigung von Frauen. Beispiele für derartige Gewalttaten sind bereits im Alten Testament nachzulesen. Das Neue Testament widmet sich nach Erkenntnissen der spirit-Redaktion eher dem Missbrauch von Macht durch die geistliche Führungsschicht. spirit hat einige Bibelstellen zusammengetragen, die sich mit den unterschiedlichen Formen von Missbrauch beschäftigen. Missbrauch von Vertrauen, Freundschaft, Autorität, Arbeitskraft, Freiheit, Amt, Alkohol, Gefühlen, Glauben und mehr. Diese Übersicht kann aus dem Downloadcenter des Verlags heruntergeladen werden.

Das Magazin weiß die aufgeführten Missbrauchsfälle durchaus in ihren jeweiligen kulturellen Kontext zu stellen. Und da lässt die Kirchenzeitschrift keinen Zweifel, dass sexuelle Übergriffe jeder Art in der heutigen Zeit einen Straftatbestand darstellen, der zur Anzeige gebracht werden sollte. Das ohne Rücksicht auf Amt und Würden des Täters. Gleichwohl aber mit Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit. Wissen wir doch allein aus den Fällen von sexuellem Missbrauch, die in den letzten beiden Jahren durch die deutschsprachige Presse gegangen sind, ein wenig mehr um die extremen Zusatzbelastungen der Opfer durch die Strafverfolgung der Täter.

Dabei widmet sich das Magazin nicht nur der vielleicht übelsten aller Missbrauchsformen, dem sexuellen Missbrauch minderjähriger Schutzbefohlener durch Geistliche und Erzieher. Auch der Missbrauch am eigenen Körper, der Machtmissbrauch, der Datenmissbrauch und der Missbrauch der Sprache im Nationalsozialismus werden thematisiert.

siehe spirit 01/2012

zur Übersicht einiger Bibelstellen zum Thema Missbrauch

zum Originalbrief von Pater Mertes siehe die Welt vom 28. Januar 2010

ein Interview mit Pater Mertes führte Domradio zwei Jahre nach Veröffentlichung seines Briefs

siehe auch Domradio über die Hinwendung zu den Opfern