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WISSEN UND LEHRE

Shinto – Der Weg der Gottheiten

shinto-1Shinto-Priester bei einer Prozession (Foto Dr. Bahnmüller)

 

Die alles beherrschende Religion in Japan ist bis heute – neben dem Buddhismus – der Shinto, eine uralte und bodenständige Religionsausübung. Das Wort Shinto besteht aus den chinesisch-japanischen Schriftzeichen shin + tao und bedeutet: »Weg der Gottheiten«, japanisch gelesen: kami no michi. Die Gottheiten nennt man auf Japanisch Kami. Die Kami sind Geistwesen mit übernatürlicher Macht und meist Geister der Ahnen. Kami bedeutet: etwas, dem außergewöhnliche, Ehrfurcht einflößende Kraft innewohnt. Diese Kraft kann sich in Dingen der Natur, in Bäumen, Bergen oder Tieren, aber auch Menschen zeigen. Die Kami müssen nicht zwangsläufig unsterblich sein; ihre Zahl ist nach japanischer Vorstellung unzählbar.

Es gibt keinen Gründer des Shinto und keine heiligen Schriften, aber in den beiden Reichschroniken, Kojiki (Aufzeichnung alter Geschehnisse; 712 n. Chr.) und Nihon Shoki (Annalen Japans“ 720 n. Chr.), werden die mythologischen Vorstellungen über die Schöpfung der Welt, über die Entstehung der Kami und die Herkunft der Kaiserdynastie festgehalten. Der Shinto entwickelte sich in der Yayoi-Periode (300 v. Chr. bis 300 n. Chr.), in der Einwanderer aus Eurasien die bis dahin vorherrschende neopaläolithische Jomon-Kultur (12000 – 300 v. Chr.) ablösten. Der Shinto einigte die unterschiedlichen Volksgruppen und so entstand in der folgenden Reichsgründungssperiode (Yamato, 300 – 710 n. Chr.) das nationale Selbstbewusstsein Japans in Abgrenzung zu China und Korea. Eine Systematisierung des Shinto gelang im Yoshida-Shinto im 15. Jahrhundert; diese besonders einflussreiche Schule benutzte als erste den Begriff Shinto für ihre Lehren. Als der junge Kaiser Meiji 1868 die Macht des Tokugawa-Shogunats brach, wurde der Shinto Staatsreligion in Japan. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Staats-Shinto abgeschafft. Rein rechtlich gesehen gibt es heute keinen Staats-Shinto mehr, aber faktisch beherrscht diese Religionsausübung neben den buddhistischen Richtungen wie Zen oder Amida das Leben der Japaner.

Im Shintoismus gibt es eine Vielzahl von Abspaltungen. Eine bedeutende Sekte oder besser: Schule (kyoha)  ist die Lehre des Shinto-Priesters Munetada (1780 – 1850 n. Chr.), die bis heute eine eigene Religionsgemeinschaft bildet. Heutzutage gibt es neben dem volkstümlichen und nationalen Shinto geradezu einen Sekten-Shinto, da neue Zweige des Shinto regen Zulauf haben. Dem Shinto eigentümlich sind Vermischungen mit christlichen Vorstellungen und buddhistischen Elementen: Aus dem Christentum kommt die Vorstellung eines universalen Gottes, der als Kami in unterschiedlichen Ausprägungen jeweils lokal verehrt wird. Der Buddhismus integriert die Kami in sein Lehrsystem und macht sie zu Schutzgöttern des buddhistischen Dharma (Daseinsgesetz) ... L.S.

 

mehr in Unsere Familie Ausgabe 17, 5. September 2010